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Räuber Hotzenplotz und die polnischen Nutten

veröffentlicht von Katja am 15. Dezember 2008 Kategorie Satire. Du kannst allen Kommentaren dieses Beitrags folgen RSS 2.0. Du kannst einen Kommentar oder einen Trackback für diesen Beitrag hinterlassen

tantekatja.pngWenn ich heute Mädchen und junge Frauen sehe, die mich, gewandet in Presswurtsjeans und Räuber-Hotzenplotz-Stiefeln, bevorzugt mit blautannengrünem Schlurksoberteil, an die polnische Nutten der 90er Jahre erinnern und ich mich darüber echauffieren kann, ja sogar Einleitungen schreibe, die genau dieses Thema aufgreifen, dann weiß ich vorallem eins: Ich werde alt.

Wenn man dem Modestil nichts mehr abgewinnen kann, wenn einem gruselige Erinnerungen hochkommen angesichts des Retro-Retro-Retro-Revivals des [beliebiges Jahrzent einsetzen], wenn man über die Arroganz der Teenager lächeln muss, die in jeder Generation glauben, sie hätten den Chucks-Hype erfunden, dann, Leute, heißt es: Die beigefarbene Freizeitblousons, die braune Cordkappe und Sanitas Gesundheitsschuhe sind in Sichtweite…

Als ich noch stolz auf meine Schulterpolster war, einen dynamisch nach hinten gegelten Pony mit Strähnchen trug und pinkfarbene Söckchen in Pumps ganz unwiderstehlich fand, lachte ich über meine Nenntante, deren Geschmack ich schlicht grottig fand. Wir, also meine Schwester (asymmetrischer Kurzhaarschnitt, Jaquard-Rosen-Pulli, pastellgelbe Hochwasserhose und weiße Adidas-Boxer-Turnschuhe) und ich, nannten sie:

Die-in-den-70ern-stehen-Gebliebene.

Da war tatsächlich was dran. Trug sie doch damals Schlaghosen, Spitzkragen, Plateau-Schuhe und Pullunder mit V-Ausschnitt, quasi das Afri-Cola an Kleidung der 80er Jahre und somit die absoluten No-Gos. Hätten wir was zu sagen gehabt, wir hätten solche Outfits mit Strafe bedroht. (Mit ein Grund, weshalb man sich unbedingt das Wahlrecht ab 16 gründlich überlegen sollte!)

Ich dagegen war so stolz auf meinen Madonna-Style. Gut, für uns arme Landkinder hieß das, daß man ein Stück Gardine fransig ausschnitt, schwarz färbte und sich um den Hals hängte oder in die Haare band. Als bayrische Katholikin war es auch nicht sonderlich schwer, handtellergroße Kreuze aufzutreiben, die man sich um den Hals hängen konnte. Wir trugen es mit dem stolzen Mode- und Stylingbewußtsein der Jugend, die Menschen mit modischer Geschmacksverirrung als inakzeptable Lebensversager einstufte. Raum für Individualität und Anderssein gab es auch in meiner Jugend nicht.

Die angehimmelten und begehrenswerten Jungs (also die mit blonden Strähnchen) waren mit dünnen pastelligen Lederkrawatten ausgestattet und kleideten sich in Anzüge, von denen Woolworth behauptete und die Landjugend glaubte, man sähe darin wie Sony Crockett aus Miami Vice aus.

Männliches Haupthaar war übrigens nicht nur strähnchenweise aufgehellt, sondern stufig geschnitten und in jedem Fall kurz! Allenfalls so lang wie bei Morton von AHA, aber das war schon hart an der Grenze! Ich erinnere mich an einen verzweifelten Leserbrief in der Bravo: Hilfe, ich stehe so auf das Musical Hair und finde vor allem die Haarschnitte so toll. Ich will mir die Haare auch so wachsen lassen, aber meine Freunde finden das alle doof.
Lange Haare, ja igitt, da konnte selbst die Bravo nicht mehr helfen und riet, sich am Geschmack der Mädchen zu orientieren.

So war sie, die Bravo der 80er Jahre. Hat uns alle zu gefallsüchtigen Narzisten erzogen. Ehrlich!

Auch wenn man es bestimmt niemals vermuten würde, ich war damals das, was man heute ein Fashion-Victim nennt. Und wie stolz war ich auf meinen moonwashed (!= stonewashed!) Jeansmantel mit den Fledermausärmeln! Und erst mein Mini-Rock im Ballonschnitt. Dazu trug ich schwarz-weiß geringelte Overknees und ein passendes, locker geschnittenes T-Shirt, daß mindestens die halbe Schulter entblößen musste. Darunter natürlich keinen BH. Ne, wir hatten hübsche Bustiers in neongrün oder dunkelpink.
Unsere Hosen mussten wenigstens nach unten hin eng zulaufen. Wehe sie waren mit Schlag oder auch nur gerade geschnitten! Als modisches Must-Have galten übrigens Leggins, ein kurze Zeit auch Steghosen und Ballerinas. Ich warte übrigens täglich auf das Leggin-Revival. Alles andere ist ja schon wieder modern.

Meine Nenntante mit den glatten (nicht dauergewellten!) halblangen, roten Haaren (die absolute Nicht-Haarfarbe der 80er), gehüllt in eine Wolke aus Janine D. und mit Oberteilen, die eng anlagen (der modebewußte 80er Jahre Teen oder Twen trug weitgeschnittene, pfirsichfarbene Sweat-Shirts mit Bündchen und Label sowie mindestens in Größe XXL bei einer Kleidergröße von 36), war sich gar nicht bewusst, daß ihr Outfit meinen Anstoß erregte. Und ich hätte es ihr auch nie gesagt, dazu mochte ich sie viel zu gerne. (Im Gegensatz zum Onkel, der mir schon in den Ausschnitt sabberte als ich noch mit Barbie-Puppen spielte).
Abgesehen davon hielt ich sie mit ihren 34 Jahren für uralt und im Alter, naja, da wird man eben wunderlich. Also verzieh ich ihr.

Nur vor meinen Freunden, da hätte ich mich mit ihr nicht gezeigt.

Eine Woche ohne Modesünde wünscht Euch das blonde Alien.

3 Antworten für “Räuber Hotzenplotz und die polnischen Nutten”

  1. [...] Und hier zur Kolumne: Räuber Hotzenplotz und die polnischen Nutten [...]

  2. Sebastian sagt:

    Ach, einfach bewusst Sündigen. Ich habe die 90iger nicht mitgemacht und auch die 00er nicht. So what ?

    Solange man kein Popper ist ist das Leben angenehm.

  3. Gucky sagt:

    Ach… mir sind Frauen am liebsten nackt… da können sie ausziehen was sie wollen… :mrgreen:
    Ich selber habe Modetrends nie mitgemacht und in jungen Jahren nur soweit, wie sie MEINEM “Schönheitsgeschmack” entgegen kamen.
    ICH mußte mich in den Klamotten wohl fühlen und was andere dazu sagten war mir sowas von egal.
    Frauen sind da wohl “modebewußter” ?

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