Geistig gesunde Vertreter des Homo sapiens sapiens sollten die Benutzung von Fernsehgeräten in Verbindung mit Fernsehprogrammen nach Möglichkeit meiden. Als reines Wiedergabemedium an DVD-Abenden oder auf PlayStation-Weltmeisterschaften geht das Gerät voll in Ordnung. Aber dann ist es eben auch kein Fern-Seher. Zu einem solchen mutiert das LSD LPG LCD, Plasma-, oder – schon bald archäologisch und für Erich von Däniken als Beleg für Außerirdische wertvolle – Elektronenstrahlröhrengerät erst in Verbindung mit einer Sendung. Unscheibar TV-Programm genannt, sind diese Telelobotomien erst der eigentliche Grund, weshalb man zu der Annahme plötzlicher Televisionen neigt.

Das Fernsehen galt mit Vernunft geschlagenen Menschen schon in seinen Anfängen als potentiell gefährlich. Nicht auszudenken, wenn einem Goebbels das heutige Sendeangebot des Farbfernsehens zur demagogischen Verfügung gestanden hätte! Von der dem Fernsehkonsum immanenten Entmündigung abgesehen, die durch die Erfindung einer Fernbedienung lediglich auf die bewegungsarme Wahl zwischen verschiedenen Formen geistiger Absenz verlagert wurde, geizen die Macher von Fernsehunterhaltung chronisch mit diesem nostalgischen Dings, diesem…na…wie nannten die Intellektionellen das immer…ach genau, mit Sinn! Da man in den 1950er Jahren noch lange auf die DVD warten musste, vertrieben sich schon damals etliche Philosophen die Zeit damit, Polemiken gegen das Fernsehen zu schreiben. Schien aber nichts bewirkt zu haben. Dass Wissenschaft, wenn sie nicht gerade PlayStations erfindet, eher was für Leute ist, die sich nicht damit abfinden können, irgendwann nicht mehr im Sandkasten spielen zu dürfen, und sich daher einem gehobeneren Niveau von Luftschlössern fragwürdigen Allgemeinnutzens zuwenden, grenzt an Wahrscheinlichkeit angesichts der Tatsache, dass Jahrhunderte der Aufklärung, Technikwunder und eben dieser Philosophen das Fernsehen gnadenlos geschont haben.

Setzt sich der masochistisch geneigte Mensch einen Abend lang vor ein solches Gerät und frönt der deutschen Fassung dieses Dementenkaleidoskops audiovisueller Effekthascherei, so richten sich seine Gedanken womöglich mit Recht allmählich auf die Erlangung eines amtlichen Rausches oder wahlweise den Hirntod. Freitag Abend ist ein guter Abend für derartige Selbstversuche. Aber eigentlich funktioniert jeder andere Wochentag genauso gut. Böses ahnend, schaltet man also den Fernseher an und…

Auf n-tv (das n steht angeblich für Nachrichten, und richten sollte man die Verantwortlichen in der Tat) widmet sich eine Sendung experimentell der Frage, mit welchen Methoden man am Besten Autoreifen zum Platzen brächte. Burn-out bringe bei Regenwetter wenig, auch Nägel auf der Fahrbahn seien ungeeignet, zertrümmerte Glasflaschen hingegen das non plus ultra des Reifenschlitzertums. Zapp. In einem Spielfilm droht ein Jüngling dem Uma Thurmanschen Vogelgesicht an: “Ich möchte Dir ein Baby schenken!”, worauf hin sie diesen sämigen Akt der Großherzigkeit mit einem “Oh, das ist das schönste Geschenk, das ich je bekommen habe!” adelt. Den Daumen des Chronisten zieht es zum Ausschalter. Er leitet ihn gerade noch um und – Zapp.

Eine dieser als Castings verstandenen Demütigungsshows, deren Vielzahl es mittlerweile verunmöglicht, ihnen im TV Programm gänzlich zu entrinnen, läuft. Die tollsten Momente werden mit clownigen Geräuschen unterlegt und zusammengeschnitten vorgeführt. Die eigentliche Show sickert als selbstparodierender Wiederaufguss durch die Bildfläche. Zapp. Aus Versehen Maischberger erwischt. Zapp. Eine Volksmusiksendung. Abwechselnd pubertäre Brut in Trachten im Anfängermodus und gestandene Musiker – pardon – Musikanten, bei denen das Mundöffnen und -schließen zum Playback, mit einem dazu in den Händen gehaltenen Musikinstrument, schon besser klappt. Bei Anblick der Studiokulisse schwappt dem Unkundigen trotz ausgeschaltetem Ton ein bischen Magensäure hoch. Der kleine Toni steht singend vor einem Pappmascheebrunnen und schlenkert mit seinem seltsam fehlgebildeten Arm, von dessen Schulter auch immer wieder der Träger seiner Lederhosen den Weg nach unten findet. Unbehelligt durch das Jugendamt oder UNICEF muss der Knirps den Freunden der ‘Musi’ seine ästhetische Unschuld zu Grabe tragen. Er sieht auch nicht sehr fröhlich dabei aus. Zuhause wartet wahrscheinlich schon der Papa mit dem neusten Hit. Zapp.

Ein Experte erklärt den Zuschauern, wie sie ihre PC Tastatur reinigen können. Die Schale könne man abnehmen und ruhig mal in die Spülmaschine geben. “Aber dann darf man wahrscheinlich nicht mit Schleudergang waschen”, bestätigt die Moderatorin ihre Befähigung zur Schaufensterpuppe, die den Unterschied zwischen Spül- und Waschmaschine wohl erst bemerkt, wenn man sie persönlich hineinsteckt. Das geistige Auge beginnt dem Zuschauer zu tränen. Zapp. Im ZDF Nachtstudio zum Thema Darwinismus fragt der Moderator vor einem Bildschirm mit Lagerfeuervideo Geistloses: “Ja, wenn wir jetzt mal diese Idee vom survival of the fittest auf den Palästinakonflikt übertragen, könnte man dann davon ausgehen, dass Israel als technologisch höher entwickelter Staat auf lange Sicht den Sieg davon trägt?” Die anwesenden Biologen helfen ihm anschließend bei der Schadensbegrenzung. Um die Uhrzeit sieht das eh kaum jemand. Zapp.

Eine Literatursendung, die Richard David Precht vorstellt. Endlich ein photogener Heiland der Populärwissenschaft. Schade, wie sie ihn verwursten. Zapp. Werbung. Zapp. Wolfgang Schäuble stellt in ‘Unter den Linden’ seinen Masterplan zur Vermeidung von Gewalt und Amokläufen dar – die Jugendlichen sollten mehr lesen und mehr Sport treiben. Renate Künast wirft noch das ganze Gewicht grüner think tanks hinterher und erklärt, man müsse einfach mehr über Medien diskutieren. Zapp. Eine Sendung über gemischt Hochkulturelles stellt Richard David Precht vor. Zapp. Werbung. Der Chronist agiert inzwischen nur noch auf vegetativer Ebene. Einzig bruchstückhaftes Ausschweifen zu Tier- und Geschichtsdokumentationen verhindert ein Aussetzen des Herzmuskels. Zapp. In einer Call-in-Gameshow schreit ein hysterisches Weib seit zwei Stunden, dass nur noch eine Minute Zeit sei bis Sendeschluss und dass irgendein heißer Knopf vorhabe, demnächst zuzuschlagen. Zapp. Wichtige Leute in Anzug und Krawatte debattieren ernst und fachlich über Finanzen, Politik und Risikostrategien in…nein halt, sie reden nur über Fußball. Das wurde nach zirka fünfzehn Minuten immer deutlicher. Sepp!

Werbung. Nur der nun leicht nach hinten geneigte Kopf des Probanden verhindert, dass ihm die Augäpfel aus den Höhlen rollen nachdem sie aus Protest androhen, ihren Dienst zu quittieren. Zapp. Ausnahmsweise läuft eine Wiederholung von Beckmann. Zu Gast sind zwei blaublütige Hobbywirtschaftsminister, die gemeinsam Sprechblasen mit Krisenrethorik aussondern, und Richard David Precht. Zapp. Eine Diskussionsrunde mit dem Thema Hartmut Mehdorn. Dass er zurückgetreten sei. Und warum. Und ob da jetzt einer nachrückt. Und wer? Mann könnte denken, der Papst hätte sein Pileolus an den Nagel gehangen. Leeres Rauschen aus Informationsblabla. Das Fazit lautet nach 45 Minuten: ›Schaun mer mal‹. Zapp. Das philosophische Duett aus Sloterdijk und Safranski empfängt zum Thema 200 Jahre Evolutionstheorie einen Biologen und Richard David Precht. Nach dem das Fernsehgerät lautstark mit der zugehörigen Fernbedienung ausgeworfen wurde, bleibt respektvoll zu konstatieren, dass es erstaunlich ist, was Menschen, die viel fernsehen, eigentlich auszuhalten im Stande sind. Gegen die verschwindend geringe Anzahl sehenswerter Sendungen, die aber auch nur Nachts in irgendwelchen Spartenkanälen laufen, steht ein Überangebot aus Berieselung und Verblödung. In eine Kerze starren hat pädagogisch in etwa denselben Wert. Peter Weibel hat mal gesagt, eigentlich müsse der Konsument Geld vom Kapitalisten dafür kriegen, dass er Teile seiner Lebenszeit dem Konsum des Produkts widme. Bis das beim Fernsehen so gehandhabt wird, bleibt der Wegsehabend dem Abend vor der Glotze fraglos vorzuziehen.