viagra online | Tramadol | levitra

Helene und die Prinzen: Alles nur geklaut?

veröffentlicht von Joachim Hübner am 16. Februar 2010 Kategorie Aufmacher, Kritik/Meinung. Du kannst allen Kommentaren dieses Beitrags folgen RSS 2.0. Du kannst einen Kommentar oder einen Trackback für diesen Beitrag hinterlassen

Darf ich mich über ein Buch äußern, das ich noch nie in der Hand gehalten habe? Allein dem Gedanken steht der Verdacht der Hochstapelei auf die Stirn geschrieben. Ist mein Vorhaben weniger verwerflich, nur weil im Buchhandel mit Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat von Pierre Bayard eine Anleitung für die Schandtat rechtmäßig erworben werden kann?
Oder kann ich mir das Abschreiber-Argument “das tun doch alle” zu eigen machen?

Vielleicht hat sich Harald Martenstein dieselben Fragen gestellt, bevor er sich im Tagesspiegel vom 14. Februar 2010 für “Kempowski statt Hegemann entschied. Und vielleicht hat er sich die Fragen genauso beantwortet wie ich. Bei einer lautstarken Feier im Obergeschoss ist es gerechtfertigt, in sicherem Abstand zum wackelnden Kronleuchter mit dem Besenstiel an die Decke zu pochen. Das ist Notwehr. Dann darf ich auch den ruhestörenden Lärm einer Buchveröffentlichung kommentieren.

Alles nur geklaut, oder?

Meine Bemerkungen drehen sich schließlich überhaupt nicht um das Buch. Der Inhalt ist mir vollkommen schnuppe. Ich hatte vor der Debatte um ihr Axolotl Roadkill, das ich wegen der in diesem Fall vier fragwürdigen Buchstaben am Wortende nicht Erstlingswerk nennen mag, noch nie von Helene Hegemann gehört. Gelitten habe ich darunter nicht, so dass ich zuversichtlich bin, ihre nähere Bekanntschaft auch künftig entbehren zu können. Ich will mich jedenfalls nach Kräften darum bemühen, denn für die Lektüre eines Buches, das es nötig hat, mit den Pauken- und Trompetenklängen einer Plagiatsdebatte auf sich aufmerksam zu machen, will ich weder meine Haushaltkasse belasten noch unersetzbare Lebenszeit vergeuden.

Nicht der Inhalt von Axolotl Roadkill ist – hier schreibe ich ab, aus dem Faust des Kollegen Goethe ‑ des Pudels Kern, sondern die Hegemannsche Arbeitsmethode gehört unter die Lupe genommen. Dazu kann ich mich äußern, ohne das Buch gelesen zu haben. Die am 12. Februar 2010 von der FAZ unter einem Interview mit dem Blogger und unfreiwilligen Ideenlieferanten Airen veröffentlichte auszugsweise Gegenüberstellung von Quell- und Zieldatei ist umfang- und aufschlussreich genug, um mich mit ‑ eigenen! ‑ Worten in die Diskussion einzuschalten.

Die Regelungen zum Zitatrecht in § 51 des Urheberrechtsgesetzes und die von § 63 vorgeschriebene Quellenangabe sind keineswegs überflüssig, wie es uns die Füsiliere des Copy-&-Paste-Regiments in ihrem Kampf gegen das geistige Eigentum glauben machen wollen. Und schlecht sind sie allemal nicht.

Ob das jetzt auch Helene Hegemann und ihr Verlag begriffen haben? Oder gehorchen sie nur der Not, und nicht dem inneren Triebe? Immerhin sammeln sie zur Schadensbeseitigung bei den zunächst ungefragt Kopierten nachträglich Zustimmungserklärungen ein, und ein Quellenverzeichnis in Folgeauflagen ist auch schon versprochen. Umgekehrt wäre es fairer gewesen. Vernünftiger sowieso. Die Weisheit, dass Vorbeugen besser ist als Heilen, ist um ein Vielfaches älter als die jugendliche Autorin. Sie hätte sich einen guten Dienst erwiesen, wenn sie von vornherein mit offenen Karten gespielt hätte. So aber hat sie sich die Wegstrecke für den weiteren Dauerlauf durch das unübersichtliche Gehölz des Literaturbetriebes selbst mit Schlaglöchern, herauswachsenden Baumwurzeln und anderen Stolperfallen zum Hindernisparcours ausgebaut.

Im Sommer 1985 gewann Boris Becker überraschend das Tennisturnier in Wimbledon. Mit 17 Jahren war er so alt wie Helene Hegemann heute. In seinem nächsten Lebensjahr wurde Bum-Bum-Bobbele von der Presse umbenannt in den 18-jährigen aus Leimen. Damit legte er eine beispiellose Karriere hin.

Helene Hegemann hat in wenigen Tagen Geburtstag. Sie muss sich ‑ und wir uns ‑ erst einmal überraschen lassen, wie explosiv sich der Zündstoff des Rufs einer dann 18-jährigen Abschreiberin beim Start in den Schriftstellerberuf auswirkt. Der Staub, den ihre Verfahrensweise aufgewirbelt hat, noch verstärkt von den mit ihrem quälenden Erklärungsversuch, das habe “mit der Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation” zu tun, in den Windkanal eingeblasenen übelriechenden Gasen, könnte zu einer Bruchlandung führen. Ob sich Helene Hegemann der Waghalsigkeit ihres Unterfangens bewusst war, getreu dem jugendlich-leichtsinnigen Lebensmotto des no risk, no fun? Mir kommt das vor wie das Anfahren mit Vatis teurem Sportwagen mit heulendem Motor und angezogener Handbremse, mit bösen Folgen für Motor und Getriebe. Nur das konnte die fromme Helene, das Unschuldslamm, ja nicht wissen, denn den Führerschein gibt es erst mit achtzehn.

Dass sie sich mit dem unerlaubten Naschen von fremden Früchten Ärger einhandeln würde, darf sie aber nicht verwundern. Zweifelsohne pauken Lehrer ihren Schülern vor einem gemeinsamen Museumsbesuch auch heute noch die eherne Regel ein: “Das Berühren der Figüren mit den Pfoten ist verboten.” Und der mahnend erhobene Zeigefinger nach einem ungenehmigten Griff in die elterliche Süßwarenschublade ist ein erprobtes Erziehungsmittel. Allzu lange liegt das bei der als Missetäterin ins Gerede gekommenen Kandidatin im Rennen um den Preis der Leipziger Buchmesse nicht zurück. Wenn sich Helene Hegemann und andere Urheberrechtsallergiker gelegentlich daran erinnerten, wäre die Unverträglichkeit gegen den Respekt vor fremden geistigen Erzeugnissen weniger weit verbreitet.

Einige von Helene Hegemanns Verteidigern wollen über ihr den Schutzschirm der literarischen Collagetechnik aufspannen, doch der ist viel zu löchrig, als dass er dem auf sie einprasselnden Regen der Empörung Paroli bieten könnte. Schulkinder kleben nach den Sommerferien die Urlaubsfotos der ganzen Klasse zu einem Gesamtkunstwerk zusammen. Walter Kempowski war ein Meister unter den Schriftstellern, die sich diese Fertigkeit für ihre Zwecke angeeignet haben. Zu seinen Echolot bänden hat er nicht ein einziges eigenes Wort beigesteuert. Dennoch wird seine Urheberschaft an den kollektiven Tagebüchern nicht in Frage gestellt, denn es ist die Einzigartigkeit der von ihm aus Postsäcken voller Textschnipsel getroffenen Auswahl und ihrer Zusammenfügung zu einem Ganzen, die seine unverwechselbare Handschrift trägt. Jedes einzelne Häppchen ist mit einer Herkunftsangabe versehen, ohne dass die Kraft zur Überzeugung von dem dokumentierten unglaublichen Erleben in einer unglaublichen Zeit darunter leidet. Im Gegenteil, ohne die Benennung der Quellen wären die dann namenlosen Texte unglaubhaft und könnten ihre Aufgabe nicht erfüllen. Literatur verträgt keine Unehrlichkeit, und das ist unabhängig vom Sinn oder Unsinn des Urheberschutzes.

Harald Martenstein zieht der Lektüre von Axolotl Roadkill zurzeit einen Kempowski vor. Falls Helene Hegemann sich ihm anschließen will, empfehle ich ihr den Kempowski-Roman Letzte Grüße. Wovon der handelt? Von einem Schriftsteller.

Übrigens, für den Titel dieses Beitrags habe ich abgeschrieben. Von einer Plattenhülle der A-cappella-Prinzen. Alles nur geklaut? Keineswegs, denn beim Kurzzitat heiligt der Zweck die Mittel (§ 51 Ziffer 2 des Urheberrechtsgesetzes). Ein paar Worte sind kein Problem. Solange daraus kein halber Roman wird. Und was das Abschreiben betrifft, drängt sich das Lied der Prinzen geradezu auf.Ich schreibe einen Hit. … Alle halten mich für klug, hoffentlich merkt keiner den Betrug. Denn das ist alles nur geklaut. … Tschuldigung, das hab ich mir erlaubt.”

1 Antwort für “Helene und die Prinzen: Alles nur geklaut?”

  1. Strahli sagt:

    Herrlich! So kann nur ein Jurist schreiben: enttarnt schonungslos die raffinierte Promotion als fade und das nicht ohne bei der Gelegenheit gleich Teile der Verteidigungsstrategie vorwegzunehmen und so die Verteidigung zu schwächen. Jedem Schöffen, der diese Anklage wegen Verletzung des Urheberrechtes zu Gehör bekommt, sind nun die Augen geöffnet. Kombiniert mit einer Darstellung wahren künstlerischen Schaffens und vielen mahnenden Worten gewinnt diese indirekte – weil der Allgemeinheit vorgetragene – Gardinenpredigt – weil nicht Klage vor Gericht – subtile Schärfe aus drei Ingredienzien. So oder so ähnlich stelle ich mir eine dieser berühmten Reden auf dem Forum Romanum vorstellen. Vielleicht wären dann schon Teile des Urheberrechtes vor zweitausend Jahren abgefasst worden. Das Buch – diese Wassersuppe – kaufen kann ich mir nun schenken.

Hinterlasse einen Kommentar

Anzeige

Fotogalerie

Anmelden / Advanced NewsPaper by Gabfire Themes