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Seniorenfrühling

veröffentlicht von Heiner Hänsel am 29. März 2008 Kategorie Satire. Du kannst allen Kommentaren dieses Beitrags folgen RSS 2.0. Du kannst einen Kommentar oder einen Trackback für diesen Beitrag hinterlassen

Das gemeine Durchschnittsalter der deutschen Bevölkerung verhält sich proportional zur Inflationsrate und umgekehrt proportional zur Bevölkerungsdichte: Es steigt.

Oh My !!
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Im Kampf um die Erringung einer höchstmöglichen Investitionspauschale tobt in deutschen Städten und Gemeinden der Kampf um die Einwohnerzahlen: Mehr Einwohner heißt mehr Geld vom Staat. Eine Kleinstadt hat ihre Einwohnerzahl mit einem Schlag auf dreißigtausend katapultiert, indem sie kurzerhand sechs neue Alten- und Pflegeheime errichten ließ. Selbstredend stellen die Betagten nunmehr auch die Mehrzahl der kommunalen Wähler dar. Im Kampf um Wählerstimmen ist nichts zu teuer, auch wenn ansonsten gespart wird, koste es, was es wolle.

Sehr beliebt sind Gratulationen zum 90., 95. und 100. Geburtstag durch den jeweiligen Wahlbeamten höchstpersönlich. Er erscheint vor Ort mit einem Vertreter der Lokalpresse und überreicht im Blitzlichtgewitter Blumen und einen Händedruck. Zuweilen zieht sich eines der Jubelkinder aus der Affäre, indem es einfach ein paar Tage vor seinem Geburtstag unangekündigt ins Koma fällt. Das sind bittere Momente für den Stadtoberen. Er verarbeitet sein Trauma, indem er in die Verwaltung zurückkehrt und dieser spontan in den Rücken fällt.

Zunächst beordert er seinen Stellvertreter zum Rapport. Dieser hat mit Hand an der Hosennaht darüber Bericht zu erstatten, wie es so weit hatte kommen können. Wenn das Koma schon nicht verhindert wurde, so hätte wenigstens vorab ermittelt werden müssen, ob der Jubilar im Wachzustand zu sein gedenke.

Der Stadtfürst ruft alsdann mit sofortiger Wirkung einen Krisenstab “Seniorenfrühling” ins Leben. Zum Leiter des Krisenstabs wird der Dezernent für Öffentliche Ordnung und Sicherheit bestellt, des Weiteren werden auf Abruf zwei Politessen, zwei Mitarbeiter des Sozialamtes, der Stadtgärtner sowie der Kulturamtsleiter zum Krisenstab abgestellt. Dass diese ihre eigentliche Arbeit in der gewohnten Qualität weiter zu leisten haben, wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Dabei entstehende Mehrarbeitszeit kann durch Freizeitausgleich abgegolten werden, es werde jedoch darauf hingewiesen, dass der Freizeitausgleich noch im selben Monat zu erfolgen habe, andererseits verfielen die Mehrarbeitsstunden selbstredend. Hauptaufgabe des Krisenstabs soll die Entwicklung einer Konzeption zur künftig effizienteren Durchführung der Operation “Altersjubilare” sein sowie die Gestaltung von kulturellen Höhepunkten im Alltag unserer Senioren. Der Krisenstab “Seniorenfrühling” habe jeweils Mittwoch und Freitag von 14-16 Uhr zu tagen. Spätestens nach einem Monat sind erste Ergebnisse abzuliefern. Anderenfalls werde er, der Boss, ohne zu zögern mit der vollen Wucht personalrechtlicher Konsequenzen aufwarten.

Hochmotiviert begibt sich der Stellvertreter zurück in sein Büro, knallt mit der Tür, wirft sich in seinen Sessel und murmelt: “Da kommt was auf uns zu…”
Sein erster Schritt zur Lösung des Problems besteht darin, die Brille abzunehmen und auf dem Bügel herumzukauen. Das hat er im Fernsehen bei Böhm gesehen. Sieht so schön intellektuell aus.
Zweiter Schritt – Sprechanlage: “Fräulein Emmerich! Der Meyer und der Helmbrecht auf der Stelle zu mir! SOFORT!”
In dieser unbürokratisch angesetzten spontanen ersten Beratung der Köpfe des zukünftigen Krisenstabes werden bereits erste Resultate erzielt: Der Krisenstab wird sich am nächsten Tag, Mittwoch, 14 Uhr, konstituieren. Fräulein Emmerich bucht schon mal den Ratssaal und wird die Sitzungen protokollieren. Während der Tätigkeit des Krisenstabs wird ihre regelmäßige wöchentliche Arbeitszeit von 30 auf 40 Wochenstunden erhöht, die Vergütungsgruppe dafür um eine Stufe gesenkt, damit der Krisenstab effizient-haushaltsneutral arbeitet.

In der auf die feierliche Konstituierung folgenden Beratung werden bereits dramatische Fortschritte in der Erarbeitung der Konzeption erzielt. Stolz gibt Fräulein Emmerich zu Protokoll, dass der Bürgermeister nur noch die Gratulationen zum 100. Geburtstag persönlich übernimmt. Zu diesem Zweck wird von Mitarbeitern des Sozialamtes vorab geprüft, ob der Jubilar bei Bewusstsein ist. Hat das Jubelkind 30 Minuten vor Gratulationstermin das Bewusstsein nicht wiedererlangt, wird die Gratulation auf einen unbestimmten Zeitpunkt verschoben. Den 90- und 95-jährigen Geburtstagskindern werden künftig durch die Politessen die herzlichen Glückwünsche des Bürgermeisters übermittelt.

Innerhalb der vom Verwaltungschef zur Verfügung gestellten Zeitspanne steht die gesamte Konzeption “Seniorenfrühling”. Der Krisenstab hat sich selbst übertroffen. Vor jedem Altenheim soll ein neuer Blumenkübel aufgestellt werden. In sensibler Rücksichtnahme ist dabei zu beachten, dass bei der Bepflanzung lebendige, fröhliche Farben bevorzugt werden. Jährlich wird zum Herbstanfang die Möglichkeit eines kostenlosen Hörgeräte-Checks geschaffen. Fällt der Herbstanfang auf einen Sonn- oder Feiertag, wird die Aktion auf den darauffolgenden Werktag verlegt. Die örtliche Händlervereinigung wird aktiv in die Aktion “Seniorenfrühling” einbezogen. Der Optiker verpflichtet sich, Senioren pfiffige, lebensbejahende Brillengestelle zu empfehlen. Die beiden konkurrierenden Bekleidungsgeschäfte führen jedes Jahr eine gemeinsame Senioren-Modenschau durch. Vierteljährlich informiert einer der Apotheker im örtlichen Seniorentreff über innovative, geriatrisch empfehlenswerte Produkte. Nach einer repräsentativen Umfrage soll es in der ersten Veranstaltung um Hilfsmittel gegen nächtlichen Harndrang und Inkontinenz gehen. Die Krönung soll ein alljährlich zum Frühlingsanfang von der Stadt organisiertes Fest unter dem Motto “Seniorenfrühling” sein. Veranstaltungsort ist die örtliche Stadthalle. Eintritt, Kaffee und Kuchen sind frei. Nach einem kleinen Kulturprogramm soll den älteren Damen und Herren die Möglichkeit des geselligen Umgangs miteinander im Rahmen einer Tanzveranstaltung gegeben werden. Die aus biologischen Gründen dezimierte Zahl der männlichen Senioren soll durch männliche Mitarbeiter der Stadtverwaltung ausgeglichen werden. Diese haben hierfür hinreichende Kenntnisse im Langsamen Walzer und Foxtrott zu erwerben. (Unterricht im Cha-Cha-Cha wurde als nicht zielführend verworfen.)

Mit Feuereifer beginnen die Vorbereitungen. Die Verwaltung brodelt. Der Bürgermeister ist bereits damit beschäftigt, eine zündende Eröffnungsrede schreiben zu lassen und abzuwägen, ob eine lebensbejahende pinkfarbene Krawatte oder eine festliche schwarze Fliege die positivere wählerstimmenkatalysierende Wirkung hätte. Diese Entscheidung ist nicht leicht zu treffen. Er will sich ablenken und dem Studium der Lokalpresse widmen. Stöhnend setzt er sich. Die Last der Verantwortung drückt auf seine Schultern. Das Telefon klingelt. Der Kämmerer teilt mit, dass die ungeplanten Ausgaben für die Operation “Seniorenfrühling” inzwischen das Haushaltsvolumen gesprengt hätten und ein Nachtragshaushalt erforderlich sei. Der Boss wischt sich sorgenvoll den Schweiß von der männlich-markanten Stirn, schlägt endlich die Zeitung auf und entnimmt der Titelseite:

ALTENHEIM-SKANDAL IN KLEINSTADT!
SÄMTLICHE SECHS SENIORENHEIME MUSSTEN NACH FESTSTELLUNG ERHEBLICHER MÄNGEL IN DER BETREUUNG DER SENIOREN VON AMTS WEGEN GESCHLOSSEN WERDEN. ALLE INSASSEN WURDEN AUF SENIORENHEIME ANDERER STÄDTE VERTEILT. ANGEHÖRIGE WENDEN SICH BITTE AN DAS ZUSTÄNDIGE REGIERUNGSPRÄSIDIUM.

 

 

Categories: Satire
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1 Antwort für “Seniorenfrühling”

  1. Politikhasser sagt:

    Ich muss ja mal ein großes Lob loswerden. Das Magazin hier ist echt super. Warum bin ich nicht schon früher auf euch gestoßen?

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